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Yasuaki Kitagawa
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Don't Touch the Dug Potatos   09.02.2017 – 02.04.2017
 

Yasuaki Kitagawa: „Don’t touch the dug potatoes!“

09.02.-26.03.17 | Galerie Perpétue

 

In der Ausstellung „Don’t touch the dug potatoes!“ thematisiert Yasuaki Kitagawa ein metaphysisches Phänomen, das epistemologisch schwer fassbar ist und für das der Künstler dennoch eine ästhetische Form in der kinetischen Holzinstallation „Sanduhr“ (2017) findet: die Zeit! Der Künstler lädt die Betrachter*innen ein, Sand in einen Trichter zu füllen, um die Konstruktion in Bewegung zu setzen. Kitagawa geht also der Frage nach, inwiefern der Zeitverlauf ohne menschliches Handeln möglich ist. Kann der Fluss der Zeit aufgehoben werden?

 

Das wichtigste Instrument zur Messung der Zeit ist bekanntlich die Uhr. Bei der Installation deuten fast alle Einzelteile darauf, dass es sich um ein solches Gerät handelt: ein Uhrzeiger, ein Pendel, ein komplexes Zahnradgetriebe. Ja, sogar das eingebaute Wasserrad verweist auf das jahrtausendealte Verfahren der Zeitmessung, bei dem Wasser von einem Behälter in einen anderen transportiert wird und dabei konstante Zeiteinheiten definiert werden. Nach diesem Prinzip wurden später Sanduhren konstruiert – auf die sich Kitagawa in seiner Installation bezieht. Das Wasserrad, das heute hauptsächlich mit dem Mühlrad in Verbindung gebracht wird, ist eine der ältesten Maschinen der Menschheit und trägt in der Kunstgeschichte eine symbolische Bedeutung – die des Verwandlers, des Schicksals. Durch das Mahlen wird sinnbildhaft die Weltschöpfung hervorgebracht. Die Mühle wiederum steht in Verbindung zur Symbolik des Rades,des Kreises. Der Kreis wiederum ist Sinnbild für die Einheit von Körper und Seele, von Bewusstem und Unbewusstem, von Verwurzelung und Aktivität. So ist er, als Linie bzw. Bewegung, die in sich selbst Anfang und Ende findet, gleichsam das alchemistische Zeichen für das „Eine und Ganze“, für das Universum.

 

Bei genauer Beobachtung der Installation stellt man fest, dass die einzelnen Teile nagel- und metallfrei zusammengesteckt wurden und damit den Lehren des altertümlichen Holzhandwerks entsprechen. Diese Präzision der Ausführung ist für alle Arbeiten von Yasuaki Kitagawa charakteristisch, bei denen der Künstler ganz unterschiedliche Materialien verwendet. Der Künstler ist in Tokio geboren, lebt seit 20 Jahren in Deutschland, hat Philosophie in Münster und Leipzig sowie Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel und an der Städelschule Frankfurt am Main studiert. Kitagawa wendet sich stets dem scheinbar Unsichtbaren und Gewohntem in unserem Alltag zu, entzieht ihnen den ursprünglichen Sinn und ihre Funktion und schafft somit neue Betrachtungsperspektiven, die zum Nachdenken anregen.

Das Thema Zeit beschäftigt seit Jahrhunderten sowohl Künstler als auch Musiker, Schriftsteller*innen und Philosophen*innen. So beginnt das sechste Kapitel von Thomas Manns „Der Zauberberg“ mit den Fragen: „Was ist die Zeit? Ein Geheimnis, - wesenlos und allmächtig. Eine Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, verkoppelt und vermengt mit dem Dasein der Körper im Raum und ihrer Bewegung. Wa?re aber keine Zeit, wenn keine Bewegung wäre? Keine Bewegung, wenn keine Zeit? [...] Ist die Zeit eine Funktion des Raumes? Oder umgekehrt? Oder sind beide identisch? [...]“. Laut Immanuel Kant ist die Zeit einfach eine Form der Anschauung (Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, Der transzendentalen Ästhetik Zweiter Abschnitt, Von der Zeit, 1781).

Dr. Ana Karaminova

Wie die Zeit verrinnt

 

Yasuaki Kitagawa in der Frankfurter Galerie Perpetuel

 

Sieben Minuten. So lange geht die gewalti-ge Sanduhr, die Yasuaki Kitagawa in die Frankfurter Galerie Perpetuel gebaut hat. Nicht wirklich genau, doch immerhin bewegen sich die Zeiger. Danach bleibt das Pendel wieder stehen, sofern sich nicht der Künstler oder wenigstens sein Galerist erbarmt und den nächsten Eimer Sand in den Trichter füllt, auf dass die Mechanik sich wieder in Bewegung setzt. Und so vergeht, ticktack, die Zeit. Das ist dann auch schon beinahe alles. So leicht und spielerisch die Arbeiten des 1968 in Tokio geborenen Meisterschülers von Tobias Rehberger allerdings auch daherkommen, so sehr geht es ihm bei genauerer Betrachtung stets um alles. Das galt schon für den „Eintausendundersten Kranich", den Kitagawa bei der Absolventenausstellung der Städelschule zeigte, und es galt erst recht für die ungleich auf-wendigere Arbeit, mit der er im vergangenen Jahr das 1822-Forum bespielte, auf eine Weise, dass man es um ein Haar nicht einmal bemerkt hätte. Für die „Sanduhr", dieses klassische, skulpturgewordene Me-mento mori, gilt es ganz besonders. Monatelang hat Kitagawa an der Mecha-nik gewerkelt und ihre Teile von Hand aus Holz gefertigt. Und nun muss er selbst zur Schaufel greifen, damit die Uhr, und sei es auch nur für ein paar allzu rasch vergehen-de Minuten, anzeige, wie buchstäblich die Zeit verrinnt. Sisyphos, mag man vor der Maschine denken, war besser dran. Als Bild freilich, für das Dasein, die Zeit und ihr Verschwinden, vor allem aber auch für die Kunst, die zu nichts führt und keinen Zweck verfolgt, sondern sich im Prozess selbst genügt, als Bild also darf man diese „Sanduhr" so abstrakt wie merkwürdig präzise nennen. Sieben Minuten. Dann hält die Zeit für einen Augenblick den Atem an. An die Arbeit, und es geht von vorne los.

 

CHRISTOPH SCHÜTTE für Frankfurter Allgemeine Zeitung